Tina Hermann Juniorenweltmeisterin in St. Moritz

 Tina Hermann 2010.  Durch Klicken können Sie das Bild vergrößern!Siegerehrung für Tina Herrmann

Die 17-järige aus Hirzenhain wurde Weltmeisterin bei den Skeleton Juniorinnen

Tina Hermann war die Sensation bei den Junioren-Weltmeisterschaften im Skeleton, die am Wochenende in St. Moritz stattfanden. Die aus Hirzenhain bei Dillenburg stammende Pilotin war mit 17 Jahren jüngste Starterin im Feld und erst auf den WM-Zug aufgesprungen, als die Lok schon aus dem Bahnhof rollte, nämlich eine Woche zuvor, als sie an gleicher Stelle den dritten Platz beim letzten Europacup-Rennen des Winters belegte. In der Weltrangliste war Hermann von allen Starterinnen am
zweitschlechtesten platziert und hatte noch nie hatte ein Rennen mit internationaler Beteiligung gewonnen - und war dann doch die strahlende Siegerin. Wer darauf gewettet hätte, wäre reich geworden.

 

„Es ist alles wie ein Traum, ich kann gar nicht glauben, was da passiert ist", zeigte sich das „Küken" im deutschen Team selbst am Tag nach dem großen Triumph noch fassungslos. Am Ende betrug Hermanns Vorsprung auf die favorisierte Kanadierin Sarah Reid bei einer Gesamtzeit von 2:22,33 Minuten nur hauchdünne fünf Hundertstelsekunden. Dritte wurde die Österreicherin Janine Flock. Die deutsche Meisterin und WM-Titelverteidigerin Katharina Heinz aus Seelbach musste sich nach einem schwachen ersten Durchgang mit Rang sechs zufrieden geben (wir berichteten ausführlich). Auch sie selbst hatte nicht mit diesem Ergebnis gerechnet: „Ich habe ein unglaublich schlechtes Abschlusstraining hingelegt. Ich habe mir gedacht, denk nicht dran und fahr einfach runter. Dass es so läuft, hätte ich nie geglaubt. Ich bin super
happy."

 

Den Grundstein für den Erfolg legte Hermann im ersten Lauf, als sie mit Bestzeit durch die Rinne fegte und damit im zweiten Durchgang als Letzte am Start stand. Dem Druck, den sie durch gute Zeiten der Konkurrenz ausgesetzt war, hielt sie stand. Mit Nerven wie Drahtseilen verteidigte sie die Führung. Das machte auch Trainer Bernhard Lehmann stolz: „Wir hatten ein sensationelles Mannschaftsergebnis, aber
für Tina freut es mich ganz besonders. Sie hat im zweiten Lauf starke Nerven bewiesen und den Angriff der Kanadierin toll abweisen können."

 

Auch ihr Vater Horst Hermann, Vorsitzender des 500 Mitglieder starken Skiclubs Hirzenhain, der mit seiner Frau Elisabeth die Tochter im Nobel-Ort unterstützt hatte, war begeistert. „Da hat alles zusammengepasst", so Hermann, der auch von der Atmosphäre rund um das Rennen angetan war. Anders als gewöhnlich im noch recht unbekannten Skeletonsport, wenn die Wettbewerbe zu unmöglichen Zeiten nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, stimmte der Rahmen in St. Moritz. „Es war so, wie es bei einer richtigen Weltmeisterschaft sein sollte, mit Einlauf der Nationen und Vorstellung der Athleten. Auch in der Stadt war richtig was los, weil am Wochenende bei den Skifahrern ja auch der Abfahrtsweltcup der Damen stattgefunden hat. Die Kulisse und das Wetter waren traumhaft", erzählte Hermann.

 

Er ist sich sicher, dass seine Tochter mit Freude in der Heimat empfangen wird, wenn sie in den Ferien vom „Ski-Gymnasium" in Berchtesgaden heimkehrt. Dort lernt Tina Hermann seit ihrem zwölften Lebensjahr und erhält zugleich eine umfassende sportliche Förderung. „Es sorgt schon ein bisschen für Euphorie hier und es wird sicher einen großen Empfang geben. Es ist ja schon etwas ganz besonderes, wenn ein so kleiner Ort (2200 Einwohner) eine Weltmeisterin hervorbringt. Und Tina hat ja auch noch regen Kontakt hierher, sie ist immer da, wenn es irgendwie möglich ist."

 

Die Christopherusschule in Berchtesgaden hat schon etliche Olympiasieger hervorgebracht. Allein im Jahr 2002 gewannen acht Absolventen Edelmetall bei den Winterspielen. Doch nicht nur sportliche Gründe bewogen die Eltern, ihre Tochter in jungen Jahren ziehen zu lassen. „Das bayrische Abitur ist uns viel Wert, und wir haben mit der Schule eine positive Erfahrung gemacht. Wir sind mit den schulischen Leistungen sehr zufrieden", erklärt Horst Hermann. Eingeschult worden war Tina Hermann an dem Gymnasium inmitten der Berge als Skifahrerin. Als ein Vertreter des Bob- und Schlittenverbands Deutschland (BSD) ihr Talent für hohe Geschwindigkeiten entdeckte, warb er Tina Hermann für den Skeletonsport ab - und rannte damit offene Türen ein.

 

Begonnen hatte die aktuelle Saison für Tina Hermann, die bereits im vergangenen Winter erste Einsätze im Europacup bekam, denkbar schlecht. Bei den Selektionsrennen des BSD kam sie überhaupt nicht mit ihrem neuen Schlitten zurecht und verlor ihren Europacup-Starplatz. Doch als sie langsam das Gefühl für den fahrbaren Untersatz aus der Schmiede des Sauerländer Schlittenbauers Wolfram Schweitzer entwickelte, konnte sie als deutsche Vizemeisterin der Juniorinnen in Winterberg glänzen und erhielt ihren Platz zurück - der Rest ist bekannt.

 

Der WM-Titel bei den Juniorinnen eröffnet Tina Hermann glänzende Perspektiven. Mit einem guten Abschneiden bei den Selektionsrennen im kommenden Winter könnte sie es schon in den Intercontinental-Cup, der zweithöchsten Serie dieses Sports schaffen. Die Chance ist da, doch die nächste große Herausforderung ist eine andere - das Abitur. Und das hat gegenüber dem Sport im Frühjahr, wenn bereits die Grundlagen für die nächste Saison gelegt werden, absolute Priorität.